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„Es ist still geworden“, sagt die Frau und stellt selbstgemachte Marmelade auf den Tisch. „Vorher saßen wir hier oft zusammen, Familie, Nachbarn, Freunde, …“, und dann versagt ihre Stimme. Der Mann bringt frisch geerntete Tomaten aus seinem Garten. Ja, das Gartenhaus habe er selbst gebaut, auch das Haus hat er nach der Wende renoviert, moderne Bäder und Küchen eingebaut, erzählt er stolz. Drei Etagen für seine erwachsenen Kinder. Nun steht es leer. Tränen treten ihm in die Augen: „Sie sind alle in den Westen gegangen, der Arbeit wegen.“

Auch uns zieht es fort aus dieser Stadt, in der die Pizzeria am Samstagstagabend um 20 Uhr kaum Gäste zählt und die Straßen trotz des Sommers menschenleer sind. Guben, früher berühmt durch seine Tuch- und Hutherstellung, seit 2006 bekannt durch seine Plastinationsfabrik für Leichen. Befürworter argumentierten mit der Schaffung von Arbeitsplätzen, Gegner sehen in der Zurschaustellung von Leichtenteilen einen Verstoß gegen die Menschenwürde.  

   Frankfurt a. d. Oder, eine Grenzstadt. Im polnischen Teil pulsiert das Leben, die deutsche Seite schläft. Auf dem Weg vom Kleist-Museum zu unserer Pension an der Uferpromenade entlang suchen wir nach einem Restaurant. Mehrere Lokale, aufwendig restauriert in historischen Gebäuden, sind wegen Ausbleiben der Gäste wieder geschlossen worden. Als wir die Oderbrücke zur polnischen Seite überqueren, blinken uns Leuchtreklamen für Schönheitschirurgie, Zahnimplantate und Optikerläden entgegen. Auffallend viele junge Menschen schlendern durch die Einkaufsstraße. Das Essen im italienischen Restaurant ist gut, hat allerdings auch westliche Preise.

   Den Gutshof hat sie von ihrer Tante geerbt. Nach 35 Jahren Westberlin ist sie mit ihrem Mann in den Osten gezogen. Lebehn, ein idyllischer Ort mit einem kleinen See, der abends ruhig und still vor uns liegt und in dem wir nackt baden können, weil weit und breit niemand zu sehen ist. Das Herrenhaus aufwendig renoviert, das Gesindehaus zu Ferienwohnungen umgebaut, verrät uns durch seinen modrigen Geruch, dass hier wenig Besucher vorbeikommen.

„Mit 21 Arbeitern bewirtschaftete man früher den Hof, jetzt sind es nur noch 2“, erzählt uns der neue Gutsherr stolz. Wir hatten gehört von den riesigen Landkäufen westlicher Agrarbetriebe, die den kleineren Höfen die Existenzgrundlage nehmen. Beim Abschied bewundern wir den malerischen Garten vor dem Herrenhaus und sind froh weiterfahren zu können, nicht ohne uns die Adresse eines vegetarischen Restaurants im nächsten Ort geben zu lassen. Das Netzwerk der Westler, die im Osten Tourismus betreiben, funktioniert gut.    

   „Klatschmohn“ heißt das empfohlene Gäste- und Gesundhaus in Rieth am Neuwarper See. Nach einer langen fleisch- und piroggenlastigen Zeit freuen wir uns über Körner und vegetarisches Essen. Wir übernachten in der alten Schule. Die Wände sind in hellen Gelbtönen gestrichen, die Balken und die Holzdielen freigelegt und die Naturmöbel mit Leinöl eingelassen. Ich atme tief durch, nach so vielen Resopal Möbeln der vergangenen Nächte, und wir beschließen zwei Tage zu bleiben. Den Weg zum Neuwarper See säumen kleine Häuschen mit bunten Fensterläden und blühenden Bauerngärten davor. Ende August wirken sie alle verlassen. Alteingesessene treffen wir nirgendswo an. Den Strand haben wir für uns alleine. Im traditionellen Café de Klönstuw zeigt uns bei selbstgebackenem Kuchen ein Akademikerpärchen aus dem Westen, was sie im Kunstlädchen mit Kreativwerkstatt eingekauft haben. Man lobt die Natur und die Stille. Wie ein Freilichtmuseum kommt es mir vor und ich freue mich nach so viel Idylle auf die Weiterfahrt.

   Der Bahnhof von Anklam ist trostlos, Eingangstor eines Ortes, der als Hauptstadt der Nazis gilt. TV-Bilder tauchen auf, von marschierenden Rechten, von Neonazis, die Punks durch die Stadt jagen; von Gewalttätern, die Ausländer schwer verletzen. Seit der Wende hat Anklam ein Drittel seiner Bewohner verloren, 95% der Abiturienten verlassen jährlich die Stadt.

Wir kommen über das Steintor in den Ort. Am Marktplatz, im Park, vor Musikgeschäften und Kneipen sieht man schwarzgekleidete, kahlrasierte Grüppchen zusammenstehen. Im Straßencafé werden wir misstrauisch beäugt, aber niemand kommt uns zu nahe. Mit meinem Mann, blond, groß, mit blauen Augen, fühle ich mich sicher. Welch absurder Gedanke! In einem italienischen Restaurant werden wir freundlich bedient; dass ich in der Nacht erbrechen muss, liegt m. E. nicht an der rechtsradikalen Gesinnung des Ortes. An einzelnen frisch gestrichenen Häusern hängen Fahnen, die Anklam zur "national befreiten Zone" erklären. Die Straßen, penibel sauber, wirken freudlos.

Bei unserer Abreise mit dem Zug entdecken wir den „Demokratie“ -Bahnhof. 2014 war in das Bahnhofsgebäude ein alternatives Jugendzentrum eingezogen. „Nazis abwählen“ steht auf einem Transparent, das die Jugendlichen weit oben, am Giebel des Gebäudes, befestigt haben. Unser letzter Blick auf Anklam, ein Hoffnungsschimmer.

Ich bin froh, im Westen aufgewachsen zu sein.