Anna Neder-von der Goltz

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Geschichte des Monats Juli

Brasilien 2014 109

Clubfreunde - 

Es war unsere Zeit, wenn wir früh um vier quer über Wiesen und Felder von der Diskothek nach Hause liefen. Der Himmel, durchzogen von dünnen, hellblauen Bändern, öffnete sich für den neuen Tag. Mein Bruder hatte den Arm um meine Hüfte gelegt, ich spürte seine Hand auf meinem Rippenbogen durch meine dünne Bluse hindurch. Dunst und Schweiß der durchtanzten Nacht klebten noch an unseren Körpern. Er hatte mich in seine Lederjacke eingewickelt, um mich vor dem kühlen Morgenwind zu schützen. Ich lehnte meinen Kopf an seine Halsbeuge. Am Morgenhimmel züngelten rote Wolkenflammen und glühten wie unsere Wangen und unsere Körper die Nacht zuvor in der Diskothek.

Freitags trafen wir uns mit der Clique im Planet, der größten Diskothek in Nürnberg. Samstag und Sonntag fuhren wir Hunderte von Kilometern zu den Auswärtsspielen unseres geliebten FCN. Als der Club noch in der ersten Liga spielte, fuhren wir nach Hamburg zum HSV und jetzt, in der zweiten Liga, nach Sankt Pauli, genauso weit, um ihm in der Fankurve nahe zu sein. Mit unserem Slogan „Ich bereue diese Liebe nicht!“, geschrieben auf Spruchbändern, die wir wie Segel über unsere Köpfe schwenkten, taten wir ihm jedes Wochenende unsere Liebe kund. Es war nicht ungewöhnlich, dass auch bekannte Clubspieler ins Planet kamen. Sie tanzten Seite an Seite, Haut an Haut, mit ihren Fußballfans, so als ob sie ihresgleichen wären. Sie schwitzen, tobten und hechelten durch die Nacht, der Schweiß war der gleiche, der Körpergeruch auch, nachdem die Wirkung ihrer Deos nachgelassen hatte. Keiner von den Spielern wurde nach einem Autogramm gefragt, sie hatten ihre Starallüren zuhause gelassen, sie waren einer von uns.

Letzen Freitag war wieder einer da. Caroline genoss es in seiner Aura, in seinem Bann zu tanzen. Sie ließ ihre langen blonden Haare in seine Nähe fliegen, streifte seine muskulösen Oberarme, die vor Schweiß glänzten, und lachte und freute sich, dass dieser Fußballheld sie umgarnte. Sie ließ es geschehen. Er war ohne Freundin da. In der Musikpause schlürften sie Fruchtcocktails durch dicke schwarze Strohhalme und prosteten sich zu. Doch dann hielt Caroline Ausschau nach ihrer Clique und zog sich in die Ecke zu ihrem Bruder und ihren Freundinnen zurück. Kein Feuer anfachen, dachte sie sich, nur ein bisschen sonnen in der Größe, in der Bekanntheit dieses Stars. Am Grinsen ihrer Freundinnen merkte sie, dass sie ankam. Sie genoss die Aufmerksamkeit, die Blicke des Neides und der Sehnsucht.

Nach der Pause tanzte er wieder in ihrer Nähe.

„Kommst du mit mir nach Hause“, hauchte er während des Tanzens in ihr Ohr.

Sie schüttelte den Kopf und drehte sich tanzend von ihm weg.

Er kam wieder, dieses Mal von der anderen Seite.

„Bitte, komm doch mit, hast du nicht auch Lust?“, nuschelte er.

Caroline blieb stehen und starrte ihn an. „Du hast doch eine Freundin.“

„Die ist nicht da!“, gab er zur Antwort.

Caroline schüttelte den Kopf.

„Nein!“

„Ich geb` dir 2.000 für die Nacht“, hörte sie ihn sagen. Da begann ein Rauschen in ihren Ohren und schwindelig taumelte sie in die Ecke zu ihrer Clique zurück. Ihr Bruder fragte, ob alles okay sei, sie nickte. Erst zu Hause erzählte sie ihm, was vorgefallen war.

Am nächsten Freitag ging Caroline nicht mit.

„Wo hast du denn deine kleine Schwester gelassen, Frank?“, wollten seine Freunde wissen.

„Ihr geht `s nicht so gut“, murmelte er.

Es wollte keine rechte Stimmung bei ihm aufkommen. Als sein Freund ihn doch auf die Tanzbühne schleppte, sah er ihn: Da war er wieder, der fränkische Fußballstar, das war er doch! Dieses Mal mit Freundin. Sein Herz begann schneller zu schlagen, er begann zu schwitzen, trotz seines dünnen T-Shirts, und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

„Alles in Ordnung?“, fragte sein Freund.

„Geht scho`“, antwortete er. „Bring mir ein Bier mit.“

Die Musik machte gerade Pause und Frank wollte auf seinen Platz zurück, doch da drängte ihn eine innere Kraft sich umzudrehen und er steuerte geradewegs auf den Fußballstar und dessen Freundin zu.

„Du übrigens, meine Schwester hat sich `s überlegt, für 10.000 geht sie mit dir nach Hause.“

„Was willst du?“, blaffte der Fußballstar ihn an. Seine Freundin schaute verwirrt zu ihm, dann zu ihrem Held und wieder zurück.

„Für 10.000 geht sie mit“, wiederholte Frank.

Der Fußballstar drängte sich jetzt an ihn heran und brüllte. „Lass mich in Ruhe, du Scheißkerl! Security! Belästigung, ich werde belästigt!“

Da spürte Frank schon den harten Griff einer eisernen Hand in seinem Nacken und eine andere, die seinen Oberarm ergriff. Er wurde zuerst nach hinten gezogen, dann von den vielen Händen gedreht, die Tür öffnete sich und er spürte, wie er durch einen wuchtigen Stoß Auftrieb bekam und zur offengehaltenen Tür hinaus auf den geteerten Gehsteig segelte. Er landete auf seinem Jochbein und spürte den Schmerz seiner aufgeschürften Handballen. Ihm war schwarz vor Augen und er wäre am liebsten liegen geblieben. Doch dann drückte er sich hoch, betastete mit der Hand das schmerzende Jochbein, schmeckte mit der Zunge den metallenen Geschmack von Blut in seinem Mund und fing an, die kleinen Schottersteinchen aus seiner aufgesprungenen Lippe herauszupulen. Ihm war kalt, er vermisste seine Schwester und er fing an wie im Trance nach Hause zu laufen, so wie jeden Samstag früh.

Auf den Wiesen und Feldern lag der Morgendunst und am Himmel waren wie immer die ersten Lichtstreifen des Tages zu sehen. Jeder Schritt schmerzte und er spürte das Blut aus seiner Nase tropfen, rot, so rot wie die Wolkenfetzen, die er am Himmel heraufziehen sah. Es waren züngelnde Flammen, wie von riesengroßen Fackeln, Fackeln des Sieges, die den Sieger den Weg nach Hause geleiteten. Er sah die schwarzen Silhouetten der Bäume und Sträucher und das schwarze Viereck von weitem, die Plakatwand dort am Schotterweg, wo er abbiegen musste, zur Siedlung seines Elternhauses hinauf. Sein Schritt wurde beschwingter, der Schmerz brannte wie Spiritus im Feuer und gab ihm das Gefühl, ja die Gewissheit, dass er heute, wenn auch der geschlagene, so doch der Held des fränkischen Fußballlandes war. Die Plakatwand wirkte von weitem wie ein Tor. Dort angekommen, schaute er zu den übergroßen Lettern hinauf und musste trotz seiner aufgeschlagenen schmerzenden Lippe schmunzeln. Dort stand die Botschaft geschrieben. 

„Ich bereue diese Liebe nicht.“      

Text des Monats - Dezember

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Ich liebe es, in Deutschland zu leben!  -  

1 Ich war auf den Weg zum Flughafen, als ich von den Attentaten in Würzburg und Ansbach hörte. Der Taxifahrer war ein Iraner. Er sprach gebrochen deutsch und erzählte heiter, wie er einer Frau im Taxi bei der Entbindung geholfen hatte. Wie konnte das sein, dachte ich, wo doch Moslems ihre Frauen verstecken und jede körperliche Nähe zu anderen Männern ein Tabu darstellt. „Voll krass“, sagte er. In Deutschland scheint dies möglich zu sein. 

2 Am Flughafen angekommen, stand ich früh um sechs mit den übermüdeten Musikern aus Rock im Park  in der Schlange vor dem Kiosk. Sie bissen herzhaft in ihre Sandwiches, schlürften ihren Cappuccino und unterhielten sich auf Englisch miteinander. Als ich dann an der Reihe war, sagte die Nürnberger Kioskverkäuferin zu mir: „Give me Cent, fünf, sex, seven“. Ich musste schmunzeln. Seit der WM 2006 war Englisch nun auch in Franken eingekehrt. 

3 Zwischen all den müden Gesichtern sah ich eine junge Frau mit helllila Haaren. „Guten Morgen“, strahlte sich mich an, als sich unsere Gesichter im Spiegel der Flughafentoiletten begegneten. 

4 Wartend saß ich auf einer Bank und beobachtete die Menschen. Es trippelte ein Frau in Stiefeletten vorbei, ihr massiger Körper in ein Kleid gezwängt, die Haare rot gefärbt, orange Federn baumelten an ihren Ohren. Es war ein früherer Kollege von mir. Ich hatte mich noch immer nicht an diesen Anblick gewöhnt. Vorher Mann, nach seiner Geschlechtsumwandlung zur Rektorin an einer bayerischen Schule ernannt. Bei uns in Bayern ist sooooo etwas möglich.  

5 Es wurde zum Boarding aufgerufen. „Familien mit Kindern zuerst und alle Passagiere, die einen Rollstuhl gebucht haben!“, lautete die Durchsage. Gleichzeitig mit den Business Class Passagieren bestiegen sie die Maschine. Schön, dass Menschen, die unsere Hilfe und Unterstützung brauchen, bevorzugt behandelt werden. Wegen eines epileptischen Anfalls verspätete sich dann auch noch unser Abflug. Dies ist in Deutschland möglich. Danke!   

6 Als ich durch die Reihen lief und meinen Sitzplatz suchte, sah ich ein älteres Ehepaar mit je einem Hundekörbchen auf den Schoß. Als die Stewardess die Gurte vor dem Abflug prüfte, nickte sie den beiden zustimmend zu. Während des ganzen Fluges redeten die beiden beruhigend auf ihre kleinen Hündchen ein. Verrückt und doch berührend, dass dies in einem europäischen Flugzeug möglich ist. 

7 Beim Blick aus dem Flugzeugfenster musste ich an meine jüngere Schwester denken, die so viele Male nach China geflogen war. Sie lebt mit einer Frau zusammen und jetzt haben sie geheiratet. Wie schön, sich öffentlich zu seiner Lebenspartnerin bekennen zu können und zu wissen, dass diese Verbindung gesetzlich geschützt ist. 

8 Ich musste daran denken, wie wir als Mädchen die ersten in unserem katholischen Dorf waren, die zwar mit Hindernissen, doch trotz allem das Abitur machen konnten. Die Sozialliberale Regierung hatte seinerzeit die Kostenfreiheit des Schulweges für Kinder auf dem Land eingeführt. Diese Chance wünsche ich allen Kindern.   

9 Es gab auch keine allzu große Aufregung, als ich dann einen evangelischen Mann heiratete. In Deutschland steht der Rechtstaat über der Religion. Gott sei dank!  

10 Auch als Frau fühle ich mich weitgehend sicher, wenn ich durch die Straßen meiner Heimatstadt laufe. Und ich weiß, dass ich mich an Silvester 2016 sicher fühle, wenn ich auf dem Nürnberger Rathausplatz feiern gehe. Der Staat hat, nach der sogenannten Kölner Silvester Nacht von 2015, Vorkehrungen getroffen.

Ich kann auch darauf vertrauen, dass es dieses Jahr wieder ein friedliches Weihnachten bei uns geben wird, wie all die Jahre zuvor. So, wie ich es allen Menschen, überall auf der Welt wünsche:  

„Ein friedliches Weihnachtsfest und ein frohes neues Jahr!“      

Erzählung des Monats - November

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Ali lernt Deutsch -  

 

Er war zwölf Jahre alt und saß mit geneigtem Kopf auf seinem Stuhl und sah auf seine Hände, die in seinem Schoß lagen.

„Sie müssen ihn ablenken, er ist ganz traurig“, sagte Serhat, sein Banknachbar, zu mir.

„Wo kommst du her?“, fragte ich Ali.

„Vier Monate“, antwortete er.

„Nein, ich meine, wo warst du Zuhause?“

„Welserstraße“, antwortete er und zeigte mit seiner Hand auf die Fenster der Ostseite des Klassenzimmers.

„Jetzt lebst du in Deutschland“, erklärte ich ihm, „aber in welchem Land hast du vorher gelebt?“.

„Kiel“, antwortete er.

Ich holte einen Atlas, legte ihn auf die Bank und schlug Vorderasien auf. Er zeigte auf Afghanistan.

„Welchen Weg seid ihr gegangen?“

„Afghanistan, Iran, Türkei“, sagte er und fuhr dabei mit dem Finger über die Landkarte.

„Mit Bus oder mit LKW?“

„Sie sind sehr weit gelaufen“, mischte sich jetzt Serhat wieder ein.

„Und dann von der Türkei aus, wie weiter?“, fragte ich.

Ali schaute mich an, stand auf, ging zum Regal mit den Sprachspielen und kam mit dem Memory-Spiel zurück. Er durchsuchte alle Bilder, bis er das Bild mit einem Schiff hatte.

„Mit dem Schiff?“

„Ja, Schiff, heißt das“, antwortete er.   

„Seid ihr mit einem großen Schiff gekommen, oder mit einem Boot?“  

„60 Personen, Boot, Wasser hier“, wobei er mit der Handkante die Wasserhöhe an seinem Kinn anzeigte. „Rucksack, Kleider -  Wasser, T-Shirt, Hose - nass.“

„Das ist schlimm“, sagte ich, „aber jetzt seid ihr in Sicherheit und alles ist gut.“ Ali nickte und schaute mich mit großen, stummen Augen an.

 

„Sie müssen ihn ablenken“, mischte sich Serhat erneut ein, der die ganze Zeit aufmerksam zugehört hatte, „sonst wird er wieder traurig.“ 

„Ist deine ganze Familie mitgekommen?“, fragte ich weiter.

Ali schien irritiert, ich wusste nicht, ob er mich verstanden hatte.   

„Dein Vater?“ Ali nickte.

„Deine Mutter?“ Er nickte.

„Hast du eine Schwester oder einen Bruder?“

„Schwester, 18, Deutschkurs“.

„Und dein Vater und deine Mutter?“

„Vater Deutschkurs, Mutter nein“, gab er zur Antwort.  

„Hast du noch Verwandte in Afghanistan?“

Ali nickte: „Großvater, Bruder, 16“

„Telefoniert ihr, schreibt ihr Briefe?“, mimte ich mit Hand und Kopf nach.

Ali schüttelte den Kopf: „ ...  tot. Polizei, Großvater, Bruder, Grenze, Afghanistan - tot.“

„Aber warum?“

Ali, zuckte mit den Schultern und schaute mich verlegen mit seinen traurigen Augen an, als ob er sich dafür schämte. Dann neigte er den Kopf hinunter und schaute wieder auf seine Hände.

 

„Sie müssen ihn ablenken, sonst wird er traurig“, kam erneut die Aufforderung von Serhat, seinem Banknachbarn. Und als ich nicht reagierte, nahm er das Ruder in die Hand.

„Ali, hast du noch Freunde in Afghanistan?“, fragte er.  

„Alle weg gegangen.“

„Du kannst die doch mit Handy anrufen, oder habt ihr keine Handys?“

„Doch…, keine Nummern“, antwortete er, zuckte mit den Schultern und hob die Hände.

„Wollt ihr Memory spielen?“, fragte ich, nachdem ich mich wieder etwas gefangen hatte.

„Au ja“, rief Serhat, „spielst du mit, Ali?“ Er nickte.

„Ich will aber, dass ihr die Namen der Dinge auf den Bildkarten benennt, wir haben Deutschunterricht.“  

„Ja, ok“, sagte Serhat und Ali nickte.

 

Ein Baum gehört zu einem Baum,

ein Haus zu einem Haus  

und Alis Bruder ist 16 und ist tot.

 

Eine Blume gehört zu einer Blume,

eine Taschenlampe zu einer Taschenlampe,

ein Boot zu einem Boot

und Alis Bruder ist 16 und ist tot.

 

Buntstifte gehören zu Buntstifte,

Luftballons zu Luftballons,

Feuerwehrautos zu Feuerwehrautos,

und Alis Bruder ist 16 …

 

Serhat gewann das Spiel, er hatte den höchsten Turm mit Memory Karten. Ich hatte den mittleren und Ali den niedrigsten - sein Bruder ist tot.